Sexualisierte Gewalt passiert oft. Viele Frauen und Mädchen erleben sie. Die Täter sind meistens keine Fremden. Die Gewalt passiert zum Beispiel in der Familie, in der Beziehung, in der Arbeit oder auf der Straße. Die Zahlen zeigen: Sexualisierte Gewalt ist ein Problem für die ganze Gesellschaft.
Auf dieser Seite finden Sie wichtige Zahlen und Fakten über sexualisierte Gewalt gegen Frauen.
Sexualisierte Gewalt betrifft viele Frauen in Österreich
Statistik Austria hat Frauen in Österreich zu Gewalt befragt. Das Ergebnis: Sexualisierte Gewalt kommt in Österreich oft vor.
Die Zahlen machen klar: Sexualisierte Übergriffe sind keine Einzelfälle. Viele Frauen erleben in ihrem Leben mehrere Formen von sexualisierter Gewalt. Zum Beispiel in der Kindheit, als Erwachsene, in der Arbeit oder in der Öffentlichkeit.
Quelle: Statistik Austria (2021), Erhebung zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen.
Die Täter sind meistens keine Fremden
Viele Menschen glauben: Die Täter sind Fremde. Die Daten zeigen aber etwas anderes: Die Betroffenen kennen die Täter in vielen Fällen.
Das sieht man bei den Anzeigen wegen Vergewaltigung (Paragraf 201 im Strafgesetzbuch). Die Grafik zeigt, in welcher Beziehung Täter und Opfer zueinander stehen:
Das heißt: In den meisten Fällen kennen sich Täter und Opfer schon vor der Tat. Sexualisierte Gewalt passiert oft im Bekanntenkreis, in der Familie oder in anderen nahen Beziehungen.
Auch ältere Studien zeigen: Die Betroffenen kennen die Täter meistens. Die Gefahr durch völlig fremde Täter ist viel kleiner, als viele Menschen glauben.
Quellen: Bundesministerium für Inneres, Kriminalitätsbericht 2021; Österreichisches Institut für Familienforschung (2011).
Nur wenige Vergewaltigungen werden angezeigt
Viele Betroffene gehen nach einer Vergewaltigung nicht zur Polizei. Eine Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung zeigt: Nur 9 von 100 Vergewaltigungen werden angezeigt.
Dafür gibt es viele Gründe. Manche Betroffene schämen sich. Manche haben Angst, dass man ihnen die Schuld gibt. Manche sind vom Täter abhängig. Manche vertrauen der Polizei oder den Gerichten nicht. Und manche fürchten, dass man ihnen nicht glaubt. Auch ein Gerichtsverfahren ist sehr belastend.
Das heißt auch: In der Statistik der Polizei steht nur ein kleiner Teil der Gewalt.
Quelle: Österreichisches Institut für Familienforschung (2011), Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld.
Falsche Vorstellungen über Vergewaltigung sind weit verbreitet
Über sexualisierte Gewalt gibt es viele falsche Vorstellungen und Vorurteile. Ein Beispiel: Die Betroffene ist selbst schuld, wegen ihrer Kleidung oder weil sie Alkohol getrunken hat. Solche falschen Vorstellungen nennt man auch Vergewaltigungsmythen.
Eine Befragung in der EU zeigt, wie verbreitet solche Meinungen sind: 27 von 100 befragten Personen sagen: Sex ohne Einverständnis ist in bestimmten Situationen in Ordnung.
Genannt wurden zum Beispiel diese Situationen:
- wenn eine Person betrunken ist oder Drogen genommen hat
- wenn sie freiwillig mit jemandem nach Hause gegangen ist
- wenn sie „aufreizende“ Kleidung getragen hat
- wenn sie schon mehrere Sexualpartner hatte
- wenn sie in der Nacht allein unterwegs war
Solche Meinungen verharmlosen die Gewalt. Sie geben den Betroffenen die Schuld und entlasten die Täter. Und sie beeinflussen, wie Menschen über sexualisierte Gewalt reden: in der Familie, in Ämtern, in den Medien und vor Gericht.
Quelle: Eurobarometer 449 (2016), Gender-based Violence.
Falsche Vorstellungen haben echte Folgen
Vergewaltigungsmythen sind nicht einfach nur Meinungen. Die Forschung zeigt: Sie haben Folgen im echten Leben.
Wenn Menschen an diese Mythen glauben,
- geben sie den Betroffenen mehr Schuld,
- sehen sie beim Täter weniger Verantwortung,
- finden sie sexuelle Übergriffe weniger schlimm,
- denken sie falsch über Einverständnis und sexualisierte Gewalt.
Darum ist Aufklärung so wichtig. Nur wenn diese falschen Vorstellungen weniger werden, kann man sexualisierte Gewalt wirksam bekämpfen.
Sexualisierte Gewalt ist ein Problem der ganzen Gesellschaft
Die Zahlen zeigen: Sexualisierte Gewalt betrifft viele Frauen und Mädchen. Die Täter sind meistens Bekannte. Nur wenige Betroffene machen eine Anzeige. Und nur wenige Anzeigen führen zu einer Verurteilung.
Dazu kommt: Viele Menschen verharmlosen oder entschuldigen diese Gewalt noch immer.
Sexualisierte Gewalt ist deshalb nicht nur das Problem von einzelnen Personen. Sie ist ein Problem der ganzen Gesellschaft. Für die Vorbeugung braucht es gute Informationen und Aufklärung. Es braucht eine klare Haltung gegen Gewalt und klare Unterstützung für die Betroffenen.
Referenzen
Zahlen & Statistiken:
- Prävalenzstudie 2011: Österreichisches Institut für Familienforschung an der Universität Wien: Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld. Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern.
- Bundesministerium für Inneres: Kriminalitätsbericht (2020) & Kriminalitätsbericht (2021)
- Statistik Austria (2021): Erhebung zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen
- Eurobarometer (2016): Report on Gender-based Violence, Survey requested by the European Comission
Studien zu den Auswirkungen von Vergewaltigungsmythenakzeptanz:
- Bohner, G., Jarvis, C. I., Eyssel, F. & Siebler, F. (2005). The causal impact of rape myth acceptance on men’s rape proclivity: Comparing sexually coercive and noncoercive men. European Journal of Social Psychology, 35, 819-828.
- Bohner, G., Eyssel, F., Pina, A., Siebler, F. & Viki, G. T. (2009). Rape myth acceptance: Affective, behavioural, and cognitive effects of beliefs that blame the victim and exonerate the perpetrator. In M. Horvath & J. Brown (Eds.), Rape: Challenging contemporary thinking. Cullompton, UK: Willan
- Eyssel, F. & Bohner, G. (2011). Effects of rape myth acceptance on perpetrator blame: The role of perceived entitlement to judge. Journal of Interpersonal Violence, 26, 1579-1605.
Skalen zur Erfassung der eigenen Vergewaltigungsmythenakzeptanz:
- Gerger, H., Kley, H., Bohner, G. & Siebler, F. (2011). AMMSA. Skala zur Messung der Akzeptanz Moderner Mythen über sexuelle Aggression. https://doi.org/10.23668/psycharchives.389
- Diehl/Bohner (2014): AMSB-Skala – Skala zur Erfassung der Akzeptanz von Mythen über sexuelle Belästigung.