Zahlen, Daten und Fakten

Wie hoch ist eigentlich das Ausmaß der Frauen, die im Laufe ihres Lebens sexuelle Gewalt erleben?

Wie häufig sind ihnen die Täter bekannt?

Welche Einstellungen zu geschlechtsspezifischer Gewalt haben die Menschen in Österreich?

Auf dieser Seite finden Sie einige Informationen und Fakten zu diesen Fragen:

AUSMAß UND FORMEN sexueller Gewalt,

GESCHLECHTER- UND BEZIEHUNGSVERHÄLTNISSEN von Opfern und Tätern,

STRAFVERFOLGUNG BEI SEXUADELIKTEN (Anzeigen und Verurteilungen) und

MEINUNG DER ÖSTERREICHISCHEN BEVÖLKERUNG zu diesem Thema.

Die Zahlen beruhen auf Studien- und Umfrageergebnissen sowie Berichten von Sicherheits- und Justizbehörden.

Ausmaß und Formen

2011 führte das Österreichische Institut für Familienforschung eine repräsentative Studie zu Gewalt an Frauen und Männern durch [1]. Als Gewaltformen wurden darin unter anderem Erfahrungen mit sexueller Belästigung und sexueller Gewalt erhoben.

Sexuelle Belästigung

Wie die Untersuchung aufzeigte, ist die Betroffenheit von Frauen von sexueller Belästigung sehr hoch: drei Viertel oder 74,2 Prozent der befragten Frauen (3 von 4) gaben an, im Laufe ihres Erwachsenenlebens sexuell belästigt worden zu sein.

Es wurden hier einzelne Formen von sexueller Belästigung abgefragt (darunter zum Beispiel „zu nahegekommen“; „nachgepfiffen oder angestarrt“ werden; ungewollte, versuchte Berührungen und Küsse).

24, 8 Prozent aller befragten Frauen hatten sexuelle Belästigung in Form von ungewollten, versuchten Berührungen oder Küssen erlebt (und 7,1 Prozent der befragten Männer). Von belästigenden sexuellen Angeboten in unpassenden Situationen z.B. an der Arbeitsstelle berichteten 23,3 Prozent der Frauen.

Zwei Studien aus dem Jahr 2018 zum Thema sexuelle Belästigung bzw. Gewalt im Netz geben Aufschluss über das Ausmaß dieser neueren Form von sexueller Gewalt [2]:

  • In einer repräsentativen Online-Befragung gaben eine von drei befragten Frauen oder Mädchen an, innerhalb des letzten Jahres zumindest einmal Gewalt im Netz erlebt zu haben, in der Altersgruppe zwischen 15 und 18 Jahren lag der Anteil sogar bei 63 Prozent.
  • In einer Studie über sexuelle Belästigung und Gewalt im Internet wurden 400 Jugendliche zwischen 11 und 18 Jahren befragt. 27 Prozent davon gaben an, mindestens einmal sexuelle Belästigung im Internet erlebt zu haben, Mädchen sind laut der Studienauswertung mit 40 Prozent dreimal häufiger betroffen als Jungen.

(Schwere) sexuelle Gewalt

In der Untersuchung des ÖIF wurden verschiedene Formen sexueller Gewalt abgefragt, darunter die Nötigung zu ungewollten sexuellen Handlungen oder das (versuchte) Eindringen in den Körper. Sexuelle Gewalt wurde unterteilt in sexuelle Gewalt und schwere sexuelle Gewalt (Vergewaltigung).

Insgesamt hat 29,5 Prozent der Frauen in ihrem Erwachsenenalter sexuelle Gewalt erlebt, das ist etwa jede dritte Frau.

Sieben Prozent der befragten Frauen (insgesamt 91) gab an, eine Vergewaltigung erlebt zu haben; weitere 8,9 Prozent berichteten von einer versuchten Vergewaltigung.

Von den 91 Frauen, die vergewaltigt wurden, berichteten 58 (64 Prozent), aufgrund der schweren sexuellen Gewalt, körperliche Verletzungen erlitten zu haben.

Die Wissenschafter*innen fragten in der Untersuchung auch nach Gewalterfahrungen bis zum 16. Lebensjahr. 27,7 Prozent der befragten Frauen berichtete, sexuelle Übergriffe in der Kindheit erlebt zu haben.

Aus einer Studie, die 2019 veröffentlicht wurde, gibt es auch aktuelle Zahlen zu den Erfahrungen sexueller Gewalt von Menschen mit Behinderungen [3]. Das Ausmaß der sexuellen Gewalterfahrungen ist hier noch höher: wie die Studie ergab, hat jede zweite Person mit Behinderung in Österreich sexuelle Gewalt bereits erlebt, jede*r Dritte sogar schwere sexuelle Gewalt. Von sexueller Gewalt ist jede zweite Person mit Behinderung in Österreich betroffen. Jede*r dritte Befragte war schwerer sexueller Gewalt mit direktem Körperkontakt bis hin zur Vergewaltigung ausgesetzt.

Im Vergleich der beiden Studien zeigt sich laut der Studienautor*innen, dass es hier einen Unterschied hinsichtlich der erlebten Gewaltformen gibt: Frauen mit Behinderungen bzw. psychischer Beeinträchtigung sind häufiger bzw. in höherem Ausmaß von schwereren Formen sexueller Gewalt betroffen als Frauen ohne Behinderungen. Von manchen Formen sexueller Belästigung hingegen sind Frauen ohne Behinderungen signifikant öfter betroffen.

Geschlechter- und Beziehungsverhältnisse

Von den Frauen, die in der ÖIF Studie von sexuellen Gewalterfahrungen berichteten wurde diese, bei erlebter sexueller Gewalt in den drei Jahre davor, zu über 90 Prozent von männlichen Gewalttätern verübt.

Wie schon aus anderen Erhebungen und der Expertise von Frauenberatungsstellen bekannt ist, geht sexuelle Gewalt gegen Frauen nicht primär von unbekannten Tätern aus. Diese machen, entgegen der allgemeinen Vorstellung, „nur“ etwa 20 Prozent der Täter aus. Zum überwiegenden Teil kannten die befragten Frauen die Täter zumindest flüchtig.

Partner und Ex-Partner machen laut der Studie, rund 30 Prozent der Täter aus. Weitere 43 Prozent der Täter waren bekannte männliche Personen (Freunde, Arbeitskollegen, Nachbarn usw.).

Strafverfolgung bei Sexualdelikten

Wenige Anzeigen

Schon lange ist aus zahlreichen Studien bekannt, dass es bei sexueller Gewalt gegen Frauen eine hohe Dunkelziffer gibt. Das ist kein österreichisches Phänomen, sondern auch international bekannt. Von den Frauen, die z.B. eine Vergewaltigung oder andere Formen sexueller Gewalt erlebt haben, zeigen nur sehr wenige diese Straftat an.

In Deutschland wurde 2012 eine Kampagne über soziale Medien gestartet, um dies sichtbar zu machen. Dabei wurden Betroffene eingeladen, Auskunft darüber zu geben, warum sie (noch) keine Anzeige erstattet haben, nachdem sie sexuelle Gewalt erlebt haben. Die Statements wurden über soziale Medien unter dem Hashtag #ichhabnichtangezeigt veröffentlicht und nach Abschluss der Kampagne ausgewertet [4].

Zu den meistgenannten Gründen, die in den über 1000 Meldungen von Betroffenen genannt wurden, zählten emotionale Belastung inklusive Schuld- und Schamgefühle, Angst, die Reaktionen des Umfelds und mangelndes Vertrauen in Behörden.

Weitere Ursachen für die hohe Dunkelziffer bei sexueller Gewalt sind laut anderen Untersuchungen und der Expertise von Beratungsstellungen:

  • Das Kennen des Täters: dies führt zum Beispiel zu Druck aus dem sozialen Umfeld, Furcht vor den Konsequenzen
  • Scham- und Schuldgefühle von Betroffenen: diese werden von gesellschaftlichen Vorstellungen und Mythen zu sexueller Gewalt verstärkt und bewirken, dass das Erlebte nicht eindeutig als Verbrechen begriffen wird
  • Es gibt Unsicherheit vor den Folgen einer Anzeige, wir zum Beispiel der Dauer, den Belastungen und dem Ausgang eines Strafverfahrens. Bei Kenntnis der Verurteilungsraten kann auch die Befürchtung, dass es geringe Chancen auf eine Verurteilung des Täters gibt, hinzukommen.
  • Das Miterleben von Strafverfahren oder öffentlichen Debatten zu sexueller Belästigung und Gewalt, bei denen die Glaubwürdigkeit von Opfern infrage gestellt wird, diesen Falschaussagen vorgeworfen werden oder Ähnliches
  • Zuwenig Information und mangelnde Kenntnis von Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten durch professionelle Stellen

Niedrige Verurteilungsraten

Viele Anzeigen werden eingestellt oder Anklagen aufgrund der Beweislage eingestellt. Wenn es aufgrund der Sachbeweise zu wenig Aussicht auf eine Verurteilung gibt, wird keine Anklage erhoben (das Verfahren eingestellt). Wenn bei einer Anklage die Schuld des Täters aus Sicht des Gerichts nicht ausreichend bewiesen werden konnte, muss es, auch im Zweifel, für den Angeklagten stimmen und diesen freisprechen. Expert*innen bemängeln an der herrschenden Praxis, dass von Seiten der Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden der Beweissicherung und -erhebung (z.B. auch Zeug*innenbefragungen) zu wenig Platz und Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, um sexuelle Übergriffe vermehrt ahnden zu können [5]. Eine Evaluierung von Sexualstraftaten hat auch gezeigt, dass eher jene Täter verurteilt wurden, die dem Opfer fremd waren (bei jeder zweiten Verurteilung) und somit Klischees von „fremden Täten im nächtlichen Park“ auch in der Strafverfolgung noch immer eine Rolle spielen (Haller 2018). Die nachstehende Grafik zeigt die Zahlen und das Verhältnis von angezeigten Vergewaltigungen und Verurteilungen von 2012 bis 2019 [6].

Zur Strafverfolgung bei Sexualdelikten siehe auch die zwei Reportagen #MeToo und das Recht: Sexuelle Übergriffe ohne Sühne von Noura Maan und Maria Sterkl, Der Standard, 5. Oktober 2018 und: Der Eisberg von Yara Hofbauer und Jonas Vogt, Datum, Ausgabe November 2018.

Einstellung der österreichischen Bevölkerung zu sexueller Gewalt an Frauen

Im Jahr 2016 wurden im Rahmen einer Eurobarometer Umfrage in allen Mitgliedsstaaten der EU eine Umfrage zum Thema häusliche und geschlechtsspezifische Gewalt durchgeführt [7]. Darin wurde unter anderem abgefragt:

  • ob es Umstände gibt, die Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung rechtfertigen,
  • ob und wieweit sexuelle Belästigung wahrgenommen wird und
  • welche Akte geschlechtsspezifischer Gewalt falsch und gesetzwidrig sind oder gesetzwidrig sein sollten.

Zur Frage, ob die befragte Person glaubt, dass „Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung unter bestimmten Umständen“ gerechtfertigt ist gab es fünf mögliche Antworten.

62 Prozent der Befragten in Österreich (versus 68 Prozent im EU 28-Durchschnitt) gab an, dass keine der Situationen „Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung“ rechtfertigen.

Das bedeutet, dass rund 38 Prozent, also mehr als ein Drittel, der Meinung waren, es gibt solche Situationen bzw. Umstände – eine besorgniserregende Zahl. Hier zeigte sich ein deutlicher Unterschied in den Antworten von Frauen und Männern: 66 Prozent der Frauen und 58 Prozent der Männer meinten, keiner der genannten Umstände könne eine Rechtfertigung sein.

Das bedeutet: 42 Prozent der befragen Männer in Österreich befanden, dass es Situationen gibt, in denen „Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung“ gerechtfertigt ist. In der folgenden Grafik sind die konkreten Fragen und Antworten der österreichischen Befragten ersichtlich.

Weiters ergab die Umfrage, dass rund 24 Prozent der Personen der Aussage ganz oder eher zustimmten, dass „Frauen Missbrauchs- oder Vergewaltigungsvorwürfe oftmals erfinden oder übertreiben“ (EU Durchschnitt: 21%).

Aus der Eurobarometer Umfrage ist ein nach wie vor hohes Maß an Vorurteilen und Akzeptanz von sexuellen Übergriffen gegenüber Frauen erkennbar, die Zahlen aus Österreich sind hier auch im Vergleich recht hoch. Um diese Einstellungen in der Bevölkerung zu ändern und das Problembewusstsein im Sinne von betroffenen Mädchen und Frauen zu schärfen braucht es vermehrte Informationsarbeit und Bewusstseinsbildung. Diese sollte sich an alle Bevölkerungsgruppen richten, um frauenfeindliche Muster aufzubrechen und die Opfer-Täter-Umkehr zu beenden.

[1] Die Zahlen stammen, wenn nicht anders angegeben, aus der Studie „Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld“ (2011) des ÖIF (siehe Downloads). In der Studie wurden die Erfahrung verschiedener Gewaltformen in unterschiedlichen Zeitphasen abgefragt, sie ist auch als „Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern“ bekannt. In den Grafiken sind die Antworten der 1292 befragten Frauen dargestellt, die in der Untersuchung u.A. zu ihren Erfahrungen sexueller Belästigung und sexueller Gewalt im gesamten Erwachsenenalter (seit dem 16. Lebensjahr) bzw. in den letzten drei Jahren bzw. im Kindes- und Jugendalter befragt wurden. Die befragten Personen waren zwischen 16 und 60 Jahren alt.

[2] Weisser Ring und Forschungszentrum Menschenrechte der Universität Wien im Auftrag des Bundeskanzleramts: Bestandsaufnahme „Gewalt im Netz gegen Frauen und Mädchen in Österreich“, 2018. Download: https://www.weisser-ring.at/wp-content/uploads/2019/10/Studie_Bestandsaufnahme_Gewalt_im_Netz_gegen_Frauen_und_M%C3%A4dchen_in_%C3%96sterreich.pdf

[3] Erfahrungen und Prävention von Gewalt an Menschen mit Behinderungen. Medieninhaber und Herausgeber: Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (BMASGK). Hauptautorinnen: Hemma Mayrhofer (Studienleitung), Sabine Mandl, Anna Schachner, Yvonne Seidler. Wien, 2019. Download: https://broschuerenservice.sozialministerium.at/Home/Download?publicationId=718

[4] Auswertung der Kampagne „Ich hab nicht angezeigt, weil…“ Zu den angegebenen Gründen, warum nicht angezeigt wurde, siehe Seite 12, Download: https://ichhabnichtangezeigt.files.wordpress.com/2012/07/auswertung_ausf-web.pdf

[5] Siehe dazu z.B. folgende Forschungen und Publikationen:
Aziz, Sonja: #MeToo – Der Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt, Zeitschrift juridikum 1/2018, Seiten 34 – 37, Download: https://www.juridikum.at/fileadmin/user_upload/ausgaben/Juridikum_2018_1.pdf
Beclin, Katharina (2014): Aussage gegen Aussage – häufige Pattstellung bei Strafverfolgung häuslicher Gewalt? Zwischen Zuweisung von Verantwortung und sekundärer Viktimisierung, in: Zeitschrift juridikum. 2014, Nr.3, S. 360-372. Download: https://www.juridikum.at/fileadmin/user_upload/_temp_/juridikum_3_2014_Beclin.pdf
Haller, Birgitt et al. (2018): Evaluierung Sexualstraftaten. Institut für Konfliktforschung, Wien, 2018. http://www.ikf.ac.at/Evaluierung_Sexualstraftaten.htm
Hofbauer, Yara (2017): Die strafrechtliche Verfolgung der Verletzung der sexuellen Autonomie Erwachsener in Österreich. Eine Bestandsaufnahme. Dissertation. Rechtswissenschaftliche Fakultät, Universität Wien, 2017.

[6] Siehe:
Frauen*beratung Notruf bei sexueller Gewalt Wien: Zahlen und Fakten zu sexueller Gewalt gegen Frauen, Stand September 2019, siehe Downloads.
Polizeiliche Kriminalstatistik Österreichs. Auswertung Abschnitt X StGB, Strafbare Handlungen gegen die sexuelle Integrität und Selbstbestimmung, 2018/2019, und
Gerichtliche Kriminalstatistik: Gegenüberstellung der Verurteilungen nach strafsatzbestimmenden Normen und sämtlicher einer Verurteilung zugrunde liegender Delikte nach Geschlecht 2019, https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/soziales/kriminalitaet/index.html.

[7] Spezial-Eurobarometer 449, Geschlechtsspezifische Gewalt, Factsheet Österreich, Europäische Kommission, Juni 2016, siehe Downloads. Siehe auch: Spezial-Eurobarometer 449, Geschlechtsspezifische Gewalt, Zusammenfassung, 2016: https://ec.europa.eu/commfrontoffice/publicopinion/index.cfm/ResultDoc/download/DocumentKy/75839

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